Kandillas

Kandillas

Der Tunnel war erstaunlich lang. Das allein wäre nicht so besonders gewesen. Viel seltsamer fand Martin, dass er diesen Tunnel noch nie gesehen hatte. Er kurvte schon seit Jahren mit seinem Motorrad durch die Alpen. Immer ohne festen Plan, mal hierhin und mal dahin. Und heute hatte er die Strasse entdeckt, die ihn jetzt in diesen Tunnel geführt hatte.

Es war ziemlich warm, als ob er tief unter der Erde wäre. Er ging vom Gas, blickte in den Rückspiegel, sah aber nur Dunkelheit. Nach vorne erhellte sein Scheinwerfer die nächsten hundert Meter. Nackte Felswände und eine schmale Strasse ohne Markierung. In dieser Dunkelheit war es schwierig, die Orientierung zu behalten, doch Martin hatte das Gefühl, dass die Strasse leicht abwärts führte. Er spielte mit dem Gedanken, umzudrehen und zurückzufahren, doch das kam natürlich nicht infrage. Noch nie hatte er auf einer seiner Touren gewendet. Es gab immer einen Weg, wenn man nur wollte.

Er war noch in Gedanken versunken, als die Strasse eine scharfe Biegung nach links nahm und urplötzlich ein helles, oranges Licht erschien, das schnell näher kam. Verdammt, was ist das!, dachte Martin. Er trat auf die Bremse, seine alte, schwere Triumph kam ins Schlingern. Die Maschine scherte nach allen Seiten gleichzeitig aus. Das Motorrad rutschte unter Martin weg und schlitterte über den Asphalt hinaus aus dem Tunnel.

In Erwartung des brennenden Schmerzes, wenn die Lederkleidung durchgerieben war und die nackte Haut über den Asphalt rutschte, kniff Martin die Augen zu. Doch da kam kein Schmerz. Und die Strasse war auch gar nicht mehr hart. Es fühlte sich an wie auf einem Schaumteppich. Er schlug die Augen auf und sah eine sonderbare Landschaft.

Der Himmel leuchtete in einem hellen Orange, der Boden war bedeckt von einer weichen, federnden Masse, die sich fast wie Watte anfühlte. Und er war rosa! Kein grelles Rosa, sondern eher ein Weiss mit ganz wenig rot drin. Die Farbe erinnerte ihn an Zuckerwatte. Dieser Zuckerwatte-Boden erstreckte sich so weit das Auge reichte. Martin konnte keinerlei Häuser entdecken und auch nichts anderes, was nur annähernd wie eine Behausung aussah. Dafür gab es haufenweise Blumen, die in allen möglichen Farben leuchteten. Sogar fast schwarze! Bäume gab es nur wenige, zumindest glaubte Martin, dass es sich bei den hohen grauen Stangen mit den orangen Blättern um Bäume handelte.

Er rappelte sich hoch. Ein Gutes hatte dieser seltsame Boden: Er war so weich, dass sich Martin nicht verletzt hatte. Es war seltsam, auf diesem Untergrund zu stehen. Seine Füsse sanken ein, und wenn er sie nur leicht anhob, federte der Boden unter seinen Stiefeln. Das sollte das Gehen eigentlich einfacher machen, aber ganz im Gegenteil: Es war unmöglich, einen normalen Schritt zu tun. So ähnlich musste sich Neil Armstrong auf dem Mond gefühlt haben. Jeder Schritt ein Hüpfer. Immerhin war es hilfreich, als er seine Triumph wieder aufstellte. Erst jetzt fiel ihm auf, dass es in dieser seltsamen Landschaft keine Strassen gab. Einfach nur diesen Zuckerwatte-Boden, so weit das Auge reichte. Und natürlich war auch der Tunnel weg, durch den er hergekommen war.

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