Falsches Gold

Falsches Gold

Dr. Hausmann legte seinen Finger auf den Klingelknopf neben dem Namen Knecht. Er hörte, wie im Haus eine schrille Glocke erklang, und gleich darauf hörte er schlurfende Schritte hinter der dünnen Tür. Schlüssel rasselten und die Tür flog förmlich auf.

„Doktor! Schön, dass sie so schnell kommen konnten“, begrüßte ihn Alois Knecht und trat zur Seite, um den Arzt vorbeizulassen. „Bitte kommen sie herein.“

Dr. Hausmann betrachtete den Mann, der ihm die Tür geöffnet hatte. Krank sah er eigentlich nicht aus. Obwohl von ihm ziemlich wenig zu sehen war. Der Mann war dick in einen wollenen Pullover gewickelt und auf seinem Kopf befand sich statt der Haare nur noch eine dunkle wollene Mütze. Am seltsamsten fand er jedoch, dass der Mann Handschuhe trug. Es war erst Ende September und das Wetter war mit Temperaturen um 22 Grad eher zu warm als zu kalt für diese Jahreszeit.

„Wissen sie, Herr Knecht, eigentlich arbeite ich ja schon seit fünf Jahren nicht mehr“, sagte Dr. Hausmann, als er durch die Türe trat, „ich bin nur gekommen, weil sie so viele Jahre lang zu meinen Patienten gehörten.“

Alois Knecht schloss die Türe und drehte den Schlüssel zweimal herum. „Ich weiß, Herr Doktor, aber die jungen Ärzte heutzutage, welcher von denen macht schon noch Hausbesuche. Und wenn überhaupt, dann geben sie einem irgendwelche Pillen und verschwinden wieder so schnell sie können, damit sie schnellstens wieder auf den Golfplatz kommen. Nein, nein. Denen kann ich nicht trauen. Da habe ich lieber sie hergebeten. Bei ihnen weiß ich, dass sie sich auch wirklich um mich kümmern.“

„Oh vielen Dank!“ Dr. Hausmann lächelte über das unerwartete Kompliment. „Aber sie sehen doch ganz gesund aus. Was fehlt ihnen denn?“

„Das werde ich ihnen gleich erzählen. Kommen sie doch bitte ins Wohnzimmer. Ich habe gerade frischen Tee gekocht. Sie nehmen doch auch eine Tasse?“, fragte Alois Knecht und ging dem Arzt voran ins Wohnzimmer.

Im Wohnzimmer deutete Alois Knecht mit einer einladenden Geste auf ein altes, abgewetztes Sofa. „Setzen sie sich doch bitte, Doktor. Ich bin gleich wieder da. Ich hole nur schnell den Tee aus der Küche.“ Dann verschwand er durch eine Schiebetür.

Dr. Hausmann sah sich in dem Wohnzimmer um. Es sah alt aus, aber keineswegs ungepflegt. Der graue Teppich war abgenutzt. An den Wänden hingen nur wenige Bilder. Ausnahmslos alte Stiche, die das Dorf um die Jahrhundertwende zeigten. Auch die Wohnwand hatte ihre beste Zeit längst hinter sich. Das dunkle Holz sah abgegriffen aus. Doch trotzdem konnte der Arzt keinen Staub sehen. Knecht musste viel Zeit darauf verwenden, Staub zu wischen und dem ganzen Wohnzimmer eine gemütliche Atmosphäre zu geben. Neben dem Sofa verbreitete eine große Stehlampe ein warmes Licht über die Sitzecke und den kleinen schwarzen Kaffeetisch.

Dann kam Alois Knecht aus der Küche. Vor sich balancierte er ein Serviertablett mit einer Teekanne, zwei Tassen und einer Zuckerdose. Er sah beinahe aus wie ein englischer Butler, wie er das silberne Tablett mit seinen weißen Handschuhen vor sich her trug.

Der Arzt wartete, bis sein Gastgeber das Tablett auf den Kaffeetisch gestellt und die beiden Tassen mit dem dampfenden wohlriechenden Tee gefüllt hatte. Dann betrachtete er ihn über seine runden Brillengläser hinweg und fragte: „Nun, was kann ich für sie tun?“

Alois Knecht senkte seinen Blick auf seine Hände. Dann begann er unsicher zu erzählen: „Ich weiß nicht recht, wie ich anfangen soll. Am besten sehen sie sich das einfach mal an.“ Dann zog er langsam die Handschuhe aus und hielt dem Arzt seine Hände hin.

Dr. Hausmann starrte wie gebannt auf die Hände seines Patienten. Sie sahen gar nicht mehr wie richtige Hände aus. Die Haut war ganz von grünlich schimmernden Schuppen überzogen. „Oh mein Gott! Was ist denn mit ihren Händen passiert? Haben sie sich verbrannt, oder sind sie in Kontakt mit einer Säure geraten?“

„Nein, Doktor, verbrannt habe ich mich nicht. Und Säure habe ich auch nicht berührt. Das ist einfach mit der Zeit so gewachsen.“ Knecht zog die Ärmel seines Pullovers etwas zurück und zeigte ihm seine Unterarme. „Und sehen sie, es wächst weiter. Vor einer Woche noch waren nur meine Hände so seltsam und jetzt ist es schon fast bis zum Ellbogen gekrochen. Haben sie eine Ahnung, was das sein könnte.“

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