Ein stürmischer Tag

Ein stürmischer Tag

Es hätte ein perfekter Tag werden sollen. David folgte Silvia auf dem schmalen Waldweg zu dem Schuppen, wo das Boot ihres Grossvaters lag. Was für ein atemberaubender Anblick sie war. Ihre leuchtend roten Haare zogen seinen Blick magisch an. Ebenso das schwarze T-Shirt mit dem grossen weissen Katzenkopf auf der Brust, der kurze Jeans-Minirock und die sensationell langen Elfenbeine.

Noch vor ein paar Wochen hätte er es für undenkbar gehalten, dass ein so schönes Mädchen sich mit ihm verabreden würde.

Sie war neu in seiner Klasse am Gymnasium Rothenstein und sie waren so unterschiedlich wie zwei Menschen nur sein können. Silvia, das rothaarige Klassemädchen, um das sich die Jungs sofort scharten wie die Mücken um eine Laterne. Und er, der schüchterne Denker mit der runden Brille, die ihm den Spitznamen „Gandhi“ eingebracht hatte.

Manchen Tagtraum hatte er darüber, sie einfach anzusprechen, ein schönes Kompliment über ihre roten Haare zu machen und sie zu bitten, sich mit ihm zu verabreden. Natürlich hatte er es nie getan.

Aber sie hatte es getan. David erinnerte sich noch ganz genau. Es war am Donnerstagvormittag nach zwei Lektionen Deutsch gewesen. Sie hatten einen Aufsatz schreiben müssen.

Das war leicht. Das Schreiben lag ihm einfach. Er hielt sich nie damit auf, einen Entwurf zu schreiben. Er schrieb einfach drauflos und hatte schnell die geforderte Seitenzahl niedergeschrieben.

Wie immer war David der Erste, der den Aufsatz auf Frau Hausers Schreibtisch legte und still und leise aus dem Zimmer ging, eine halbe Stunde vor der offiziellen Pause. Er ging in die Cafeteria, um etwas zu trinken und sein Pausenbrot zu essen.

Kaum sass er dort an einem Tisch, kam Silvia zu ihm.

„Ich war auch schon fertig mit meinem Aufsatz. Ich hätte mich aber nie getraut, als Erste aufzustehen. Darf ich mich zu dir setzen.“

David verschluckte sich an seinem Brot und hustete.

„Ich fasse das als ein Ja auf“, schmunzelte sie und setzte sich ihm gegenüber an den Tisch. Sie gab ihm Zeit, bis er seine Hustenattacke überwunden hatte. Dann fragte Sie: „Welches Thema hast du gewählt?“

Frau Hauser schrieb jeweils drei bis fünf Themen an die Wandtafel, aus denen sich die Schüler eines auswählen durften.

„Das Buch im Video-Zeitalter.“

„Interessant. Magst du Bücher?“

„Sehr.“ Mehr wusste David nicht zu sagen.

„Ich auch. Ich lese gerade zum dritten Mal Tolkiens „Herr der Ringe“. Und du? Welches liest du gerade?“

„Der Herr der Fliegen von William Golding.“

Sie runzelte die Stirn. „Kenne ich nicht. Wovon handelt es?“

„Es ist ein sehr düsteres Buch. Es geht um eine Gruppe Jungen, die auf einer einsamen Insel stranden. Wie Robinson Crusoe, nur dass kein Erwachsener dabei ist, sondern nur die Jungs. Je länger sie dort auf der Insel leben, umso mehr verlieren sie den Bezug zur Realität. Sie bilden zwei Gruppen, die gegeneinander einen richtigen Krieg führen.“

„Klingt gruslig. Vielleicht leihst du mir das Buch, wenn du es ausgelesen hast?“

Inzwischen hatte die Pause offiziell begonnen und die Kinder des Schulhauses strömten in der Cafeteria zusammen.

„… einsame Insel.“

„Was?“, fragte David, der mehr auf die zusammenströmenden Schüler geachtet hatte als auf Silvia.

„Ich kenne eine einsame Insel. Draussen am Waldsee. Mein Opa hat ein Boot dort. Mit dem könnten wir doch am Samstag da hinfahren.“

David wusste gar nicht, was er antworten sollte.

„Na sag schon … wollen wir?“, fragte sie nochmals.

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