Hier sollen Drachen sein

Hier sollen Drachen sein

Der See sah so friedlich aus. Martin war sicher, dass hier nichts Größeres als vielleicht ein Murmeltier lebte. Aber er hatte gelernt, keine Fragen zu stellen, sondern einfach seine Befehle auszuführen. Und die waren ganz eindeutig: Er soll hier am See einen Drachen erlegen.

Natürlich gab es keine Drachen, nicht hier und schon gar nicht jetzt, im 21. Jahrhundert. Aber seit vor ein paar Wochen ein paar Schafe in der Gemeinde gerissen – ja regelrecht zerfetzt – worden waren, reagierte der Bürgermeister panisch.

Zunächst war die Rede von Wölfen, dann von einem entlaufenen Löwen und jetzt sogar von Drachen, die hier am kleinen See direkt unterhalb des Donnerkopf-Gipfels hausen sollen. Was für ein Unsinn!

Martin untersuchte als Erstes das Wasser, tauchte seine Hand hinein und roch daran. Brackig. Er leckte mit der Zunge über den Handrücken und spuckte sofort wieder aus. Salzig! Seine Finger fühlten sich ölig an. Was war nur mit diesem Wasser passiert?

Immerhin konnte er ausschließen, dass in dieser Brühe etwas lebte, schon gar kein Drache. Er entnahm eine Probe. Sollten sich die Kollegen vom Gewässerschutz darum kümmern.

Da war er nun den ganzen Weg hier hinauf gegangen. Und wozu? Um Wasserproben zu nehmen! Frustriert schulterte er Rucksack und Gewehr und machte sich auf den Rückweg ins Tal.

Doch schon nach drei Schritten hielt er inne. Aus der Höhle oberhalb des Sees – Bärenhöhle, weil dort vor Urzeiten mal ein großer Bär gehaust hatte – flatterte ein seltsames Geräusch zu ihm hinab. Heiser wie von einer müden Krähe, aber viel tiefer, fast schon ein Grollen. Und er hätte schwören können, dass es mehrstimmig gewesen war. Dem sollte er nachgehen.

Er kletterte also das kurze Stück hinauf.

Aus der Höhle schlug ihm ein ekliger Geruch entgegen. Da musste mindestens ein Tier verendet sein. Er setzte seine Stirnlampe auf und überprüfte seine Flinte, bevor er in die unheimliche Dunkelheit eintauchte.

Er brauchte nicht weit zu gehen, bis vor ihm im Schein der Stirnlampe das Nest auftauchte. Vier Jungtiere saßen darin und krächzten hungrig. Aber was waren das für Tiere? Ein Kopf wie ein Krokodil, aber aufrecht sitzend wie ein Kaninchen. So weit er im schwachen Lichtkegel erkennen konnte, besaßen die Tiere eine schmutzig-braune Haut, kräftige Hinterbeine und winzige Vorderpfoten, die kaum zu mehr taugten, als Nahrung vor das riesige Maul zu halten, das mit zwei Reihen von scharfen Reißzähnen gefüllt war.

Was auch immer es war, Martin wollte nichts damit zu tun haben. Vier Mal hintereinander drückte er ab, vier Mal brach eines der unheimlichen Geschöpfe im Nest zusammen. Dann war es still in der Höhle.

Er packte eines der Tiere als Beweis in einen Jutesack und machte sich schnell auf den Heimweg.

Erst als er bereits wieder am Ausgang stand und vom grellen Sonnenlicht geblendet blinzelte, erkannte er seinen Denkfehler. Wo vier Jungtiere im Nest saßen, mussten zwei ausgewachsene Tiere sein!

Noch bevor er diesen Gedanken ganz fertig gedacht hatte, verdunkelte sich die Welt vor ihm. Zwei gigantische Exemplare dieser Wesen ragten vor ihm auf, verdeckten mit ihren massigen Körpern die Sonne und schrien ihn mit weit aufgerissenen, geifernden Schnauzen an.

In blinder Panik feuerte er seine restlichen Kugeln auf die beiden Gestalten ab. Eine davon musste er schwer getroffen haben, denn sie stürzte schwer zu Boden. Doch die zweite griff wütend an.

Vielleicht hätten sie ihn leben lassen, wenn er die Jungtiere nicht getötet hätte. Aber was, wenn sich diese Kreaturen weiter vermehrt hätten? Im Gedanken, das Richtige getan zu haben, ergab er sich in sein Schicksal, als die große Schnauze mit den langen, scharfen Zähnen vor ihm auseinanderklaffte.

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