Die Todesanzeige

Die Todesanzeige

Als sie die Todesanzeige zum ersten Mal sah, hielt sie das Ganze noch für einen schlechten Scherz. Dort im Gemeindeblatt stand ganz eindeutig ihr Name, und zwar bei den Sterbefällen: Nicole Fischer, gefolgt von ihrem Geburts- und Todesjahr. Sie musste das richtigstellen, aber heute Abend würde sie dort niemanden mehr erreichen.

Das war bestimmt ein dummer Scherz von Georg, diesem Mistkerl! Seit sie ihn aus dem Haus geworfen hatte und er in einer einfachen Zwei-Zimmer-Wohnung leben musste, war er ganz schlecht auf sie zu sprechen. Aber hey, das Haus hatte schon ihr gehört, bevor sie geheiratet hatten, und der faule Kerl hatte das Gefühl gehabt, er könne jetzt von ihrem Geld leben. Da hatte er sich aber geschnitten. Und jetzt war er wohl sauer.

Solche Scherze waren typisch für Georg. Geschmacklos! Sie könnte diesem Kerl den Hals umdrehen.

Irgendwie musste sie ihrem Ärger Luft machen, sie zog ihre Laufschuhe an und rannte sich den Frust von der Seele. Doch diesmal klappte nicht einmal das. Dieser Kerl soll ihr nur ja nicht unter die Augen kommen!

Am nächsten Morgen stand sie Punkt acht Uhr bei Horst Lehmann im Gemeindehaus. Dieser schaute sie entgeistert an, als sie ihm ihren Ausweis zeigte und ihm bestätigte, dass sie nicht tot war.

„Aber das ist nicht möglich“, sagte er. „Wir haben die Meldung von der Kantonspolizei, samt Kopie des Ausweises, den Sie offenbar bei dem Unfall dabei hatten.“

Nicole konnte es nicht fassen. Wie war das möglich? Wo sie doch hier stand und sich gerade schrecklich aufregte?

Horst Lehmann verwies sie zur Klärung an den Polizeiposten, von dem der Rapport eingegangen war.

Dort erlebt Nicole wieder genau das Gleiche. Auch der Polizist starrte sie an, als ob sie von einem anderen Planeten eingeflogen wäre. „Haben Sie eine Zwillingsschwester?“, fragte er, und als sie verneinte, erklärt er: „Aber die Frau gestern, die von einem Lastwagen überrollt worden ist, die sah genau aus wie Sie.“

Der Polizist holte eine Aktenmappe und bevor er ihr deren Inhalt zeigte, blickte er über die Schultern. „Ich darf das eigentlich nicht, aber ich denke, in diesem Fall ist eine Ausnahme angebracht.“

Nicole konnte es kaum fassen. In dieser Aktenmappe befand sich ein Foto von ihr. Sie hatte die Augen geschlossen und ihr Gesicht war voller Kratzer und Wunden, aber das war eindeutig sie selbst. „Was ist passiert?“

„Sie sind … ich meine, die Frau ist einfach ohne hinzusehen auf die Straße gelaufen. Der LKW-Fahrer hatte keine Chance, rechtzeitig zu bremsen. Zeugen haben das bestätigt.“

Ihr wurde schwindelig. Sie musste sich einen Moment setzen. Der Polizist war so nett und brachte ihr einen Kaffee, doch auch das konnte ihre Verwirrung nicht beseitigen. Schließlich ging sie davon wie in Trance. Was passierte hier gerade?

Sie ging zu Fuß nach Hause, die frische Luft würde ihr guttun. Wie immer ging sie über den Zebrastreifen beim Escherplatz, als sie plötzlich ganz dicht neben sich das Zischen von LKW-Bremsen und kreischende Räder hörte. Dann wurde es dunkel.

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