Schiffbruch

Schiffbruch

Der Sturm zog erstaunlich schnell auf. Gerade noch schaukelte Carls Boot friedlich in der Bucht, und kaum fünf Minuten später peitschte der Wind die Wellen mehrere Meter hoch. Dicke schwarze Gewitterwolken schossen über die Landzunge, die so schön anzusehen und doch so gefährlich war, wenn die Strömung drehte.

Er musste schnellstens zurück in den Hafen, doch bei dem Versuch zu wenden, schlug eine Welle direkt über seinem Boot zusammen und schmetterte es regelrecht in Stücke.

Carl klammerte sich an ein Stück Holz, paddelte mit den Füssen und versuchte so, das rettende Ufer zu erreichen. Doch Wind und Wellen trieben ihn schnell auf die Klippen zu. So sehr er sich auch anstrengte, die Strömung drängte ihn immer weiter ab, weg von der Schutz versprechenden Hafeneinfahrt und direkt auf die schroffen Felsen zu.

Atemlos paddelte er gegen die Fluten an, wurde wild umhergeworfen. Trotzdem dachte er nicht daran aufzugeben. Irgendwie gelang es ihm, das Holz ganz unter sich zu ziehen, sodass er Hände und Füsse frei hatte zum Paddeln. Doch es reichte immer noch nicht. Seine Kräfte schwanden, seine Arme wurden schwer, ringsum tobte das Meer.

Plötzlich tauchte aus der schäumenden Gischt ein Boot auf. Ein alter Mann in gelbem Ölzeug mit dichtem Bart und wachen Augen warf ihm eine Leine zu.

Carl schnappte sich das Seil, zog sich daran ins Boot und legte sich erschöpft hin.

„Schnapp dir ein Paddel und hilf mir“, rief ihm der Mann zu.

Mit vereinten Kräften schafften sie es, der wilden See zu trotzen und das Boot Meter um Meter näher zum sicheren Hafen zu bringen.

Nach schier endlosem Kampf gegen die Elemente erreichten sie sicheres Gewässer. Die starken Hafenmauern hielten dem Ansturm der hohen Wellen tapfer stand, Gischt spritzte über sie hinweg, peitschte die Gesichter der beiden Männer.

Mit ein paar letzten kräftigen Zügen erreichten sie den Anleger. Endlich konnte Carl wieder durchatmen und sich bei dem Alten bedanken. „Ohne Sie hätte ich es nicht geschafft.“

„Was hast du denn da draussen gemacht? Allein in diesem Sturm?“

„Ich wollte schnell noch ein paar Fische fangen, bevor der Sturm kommt, aber der kam früher als vorhergesagt.“

Der Alte schüttelte den Kopf. „Leichtsinnig! Du hattest Glück, dass ich gerade da war.“

„Genau! Warum waren denn Sie eigentlich da draussen? Wenn Sie doch wussten, dass dieser Sturm aufzieht?“

„Ich bin nur da rausgefahren, um dich zu retten, du Dummerchen! Und jetzt solltest du nach Hause gehen. Pass beim nächsten Mal besser auf. Der alte Nick Hannegan kann nicht immer da sein, um dich zu retten.“

Carl stieg aus dem Boot und war froh, wieder sicheren Boden unter den Füssen zu haben. Vor sich sah er das Gasthaus aufragen, eine steinerne Trutzburg gegen die stürmische See. Hinter den Fenstern flackerten Kerzen und versprachen Wärme und Geborgenheit. „Lassen Sie uns da oben einen heissen Grog trinken. Das ist das Mindeste, was ich zum Dank tun kann.“

Als er keine Antwort erhielt, drehte er sich um und war erstaunt, dass weder Mann noch Boot zu sehen waren. Carl suchte, fand aber keine Spur mehr von dem Alten. Schliesslich brach er die Suche ab und ging alleine ins Gasthaus, um sich aufzuwärmen.

Als er die Tür aufstiess, staunt er nicht schlecht. Da hing ein alter, vergilbter Zeitungsausschnitt mit einem Foto von Nick Hannegan! Carl las, dass dieses Haus früher Nick gehört hatte und dass er vor über dreissig Jahren in einem schrecklichen Sturm umgekommen war.

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