Aarelauf 2. Etappe Brienz bis Bern

4. Januar 2021 – Brienz bis Interlaken

Montagmorgen um 4:30, mitten im schönsten Traum von Sandstrand und Palmen, holt uns der Wecker zurück in die Realität. Draussen ist es eisig kalt und wir schlüpfen in unsere Trainingsklamotten. Die beiden Rucksäcke sind schon gepackt, es fehlt nur noch die Zahnbürste. Pünktlich um 5:28 fährt der Zug und bringt uns auf den Weg nach Brienz im Berner Oberland, wo wir rund vier Stunden später eintreffen.

Auch in Brienz ist es eisig kalt, die Temperatur liegt um den Gefrierpunkt. Von hier soll also die nächste Etappe unseres Aarelaufs starten. Als wir im September 2020 die erste Etappe von der Quelle auf dem Grimselpass hierher gelaufen sind, war noch wunderschönes, warmes Sommerwetter. Davon ist jetzt nichts mehr zu spüren. Es ist bewölkt und die Wettervorhersage verspricht keine wesentliche Änderung.

Noch etwas zaghaft laufen wir los, doch mit der Zeit wärmt uns die Bewegung. Der Weg führt zuerst direkt dem nördlichen Ufer des Sees entlang, doch schon nach ein paar hundert Metern müssen wir wieder auf die Hauptstrasse wechseln. Wir kommen an einem Strassenschild vorbei, das uns ankündigt, es seien noch 20 km bis nach Interlaken.

Palme im Schnee

Das Palmendorf Merligen bietet ungewohnte Anblicke.

Dass Interlaken immer vor uns zu sehen ist, fördert unsere Motivation. Hinter uns wird Brienz immer kleiner, während Interlaken vor uns deutlicher aus dem kalten Dunst auftaucht.

Schliesslich, nach drei Stunden mit abwechselnd Laufen und Wandern, erreichen wir unser erstes Zwischenziel: Interlaken. Wie schön wäre es jetzt, in ein warmes Restaurant zu sitzen und etwas zu essen. Doch das geht nicht. Wegen Corona sind alle Restaurants geschlossen. Also bleibt uns nichts anderes übrig, als einen Supermarkt zu suchen, wo es vielleicht etwas Warmes zum Mitnehmen gibt.

Interlaken macht einen gespenstischen Eindruck an diesem Montagnachmittag. Bei früheren Besuchen in dieser schönen Stadt begegneten wir vielen Touristen. Diesmal nicht. Kaum jemand ist unterwegs, ein paar Mütter mit Gesichtsmaske und Kinderwagen, ein paar mürrisch blickende Handwerker in ihren Firmenfahrzeugen. Manche Hotels sind geschlossen, die dunklen, geschlossenen Restaurants wirken traurig und verlassen.

Immerhin finden wir ein schönes Hotel, das über das absolute Highlight verfügt nach der unangenehmen Kälte: eine Badewanne! Wir geniessen die Wärme und die volle Aufmerksamkeit des Personals. Kein Wunder, es hat nur wenige Gäste. Das Hotelrestaurant ist ebenso geschlossen wie die Bar und das Tanzlokal im Untergeschoss.

Nach dem kleinen Mittagessen im Supermarkt wollen wir abends unbedingt etwas Warmes essen und bestellen uns eine Pizza ins Hotel. Wir dürfen sogar zum Essen den Frühstücksraum benützen. So bekommen wir wenigstens ein bisschen das Gefühl, in einem Restaurant zu sitzen. So geht der erste Tag zu Ende und wir fallen müde ins Bett.

5. Januar 2021 – Interlaken bis Thun

Beim Frühstück sind wir die einzigen Gäste, unsere Rucksäcke sind wieder gepackt und bereit für die nächste, deutlich längere Etappe. Für heute ist die Strecke von Interlaken bis Thun geplant. Beim Frühstück diskutieren wir noch, ob wir die nördliche Route nehmen sollen, die zwar kürzer ist, aber schnell einmal steil ansteigt, um 200 Höhenmeter hinauf zu den Beatushöhlen. Doch auch die südliche Route ist nicht ohne. Auch dort steht eine schöne Steigung bevor. So einfach wie am Brienzersee würde das diesmal nicht werden.

Schliesslich gewinnt die kürzere Strecke und wir machen uns auf den Weg. Zuerst laufen wir über die weite Ebene der Hauptstrasse entlang bis zum Nordufer des Thunersees. Dort folgen wir dem Pilgerweg (Jakobsweg), zuerst noch lauschig dem See entlang. Bis wir dann plötzlich vor einer senkrecht aufragenden Felswand stehen. Hier kommt also unser erster grosser Aufstieg: 60 Meter Höhenunterschied auf einem steilen, schmalen Pfad. Wunderschön zwar, aber er bringt uns schon zum ersten Mal ausser Puste.

Brienzersee

Ein kurzer, heftiger Aufstieg.

Unsere Oberschenkel sind noch müde vom gestrigen Lauf und müssten uns jetzt hier diesen steilen Weg hinauf bis zur Hauptstrasse bringen. Dort finden wir dann eine Abkürzung. Anstatt noch einmal mehr als fünfzig Meter aufzusteigen, folgen wir der Hauptstrasse, die sogar mit einem Trottoir ausgestattet. Perfekt für uns, auch durch die drei kurzen Tunnels kommen wir dadurch problemlos. Schliesslich sehen wir sie hoch über uns zu unserer Rechten: die Beatushöhlen.

Wir laufen daran vorbei, machen einen kurzen Abstecher hinab zu Seeufer über einen Weg, der zwar auf der Karte eingezeichnet ist, jedoch nicht so aussieht, als würde er noch oft benutzt. Es riecht nach Pilzen, die unter einer dicken Schicht alten Laubs der Kälte widerstehen. Als wir schliesslich das Ufer erreichen, ist auch klar, wieso der Weg nicht mehr benutzt wird. Ein hoher Zaun baut sich als unüberwindliches Hindernis vor uns auf. Und gleich dahinter hören wir Hundegebell. Also müssen wir doch wieder zurück zur Strasse.

Es gibt zwar eine Bushaltestelle, doch kein Trottoir, das uns Schutz bieten könnte, wenn wir weiter der Strasse folgen. Als Alternative könnten wir natürlich den Wanderweg nehmen, der noch einmal über einen hohen Hügel führt. Das wollen wir eigentlich nicht, so entscheiden wir uns schliesslich für die Strasse.

Wann immer möglich nutzen wir den schmalen Grünstreifen neben der Strasse. Links von uns ein steiler Hang hinab zum See, rechts von uns die Strasse, auf der erstaunlich viel Verkehr herrscht. Gleich daneben steigt der Wald steil an. Eine unwirtliche Gegend, vor allem bei dem trüben Wetter.

Und dann kommt noch einmal ein Tunnel, eine dunkle Röhre, in der wir auf der Fahrbahn laufen müssen. Zum Glück haben wir eine Stirnlampe dabei, um die Autofahrer auf uns aufmerksam zu machen. Fünfzig Meter, also eine knappe halbe Minute dauert das, dann sind wir durch und die Strasse fällt jetzt stetig ab. Wir kommen schneller voran und erreichen dann die Schiffsstation der Beatushöhlen. Und, oh Wunder, hier gibt es auch wieder ein Trottoir, was für uns das Laufen um einiges sicherer macht. Leider bleibt es trotzdem noch anstrengend.

Als dann vor uns das Dorf Gunten auftaucht mit dem schon von Weitem sichtbaren Parkhotel, fragen wir uns schon einen Moment, ob wir nicht hier schon Pause machen wollen. Es sieht einfach zu einladend aus. Doch das würde unsere ganze Planung durcheinanderwirbeln und bis Thun sind es ja nur noch acht Kilometer. Also Zähne zusammenbeissen und weiter.

Nach einer Tagesdistanz von 27 Kilometern thront vor uns das Schloss Thun auf seinem Hügel. Wir haben es tatsächlich geschafft! Und das Beste daran, wir haben noch den ganzen Nachmittag Zeit, um einfach nur im Hotel herumzuliegen und nichts zu tun. Nach dieser tollen Leistung haben wir natürlich auch ein fürstliches Zimmer verdient und so checken wir schliesslich im Schlosshotel ein, wo uns ein weiches Bett und eine entspannende Sauna erwarten.

Thun

Das Schoss Thun throhnt über der Aare. Dort oben wollen wir schlafen.

6. Januar 2021 – Thun

Heute ist Pausentag, das heisst, wir nutzen den Tag, um Thun zu erkunden, die Stadt kennenzulernen und zum Shoppen. Dass wir dabei trotzdem mehr als 12’000 Schritte gehen, spüren wir kaum, obwohl unsere Beine schon etwas müde sind. Wir gehen auf der anderen Seite der Aare noch einmal flussaufwärts zurück zum See. Dort im Schadaupark lässt es sich wunderbar flanieren. Leider kommt die Sonne nicht durch und so bleibt es trüb und kalt, aber wir geniessen den gemütlichen Spaziergang trotzdem. Zurück im Zentrum stöbern wir durch die vielen kleinen Läden, schauen uns die Angebote an. Vor allem der kleine Laden für Katzenliebhaber hat es uns angetan. Wir lernen sogar den Kater Jerry persönlich kennen. Wer einmal in Thun ist und Freude an Katzen hat, sollte dort unbedingt hineinschauen.

Den Rest des Tages machen wir genau das, was wir uns vorgenommen haben: erholen und entspannen.

7. Januar 2021 – Thun bis Bern

Wir sind eine Stunde zu früh beim Frühstück! Irgendwie müssen wir übersehen haben, dass das Frühstück erst um acht Uhr serviert wird. Nun stehen wir da vor verschlossener Tür und hungern vor uns hin. Zum Glück sieht uns eine junge Frau, die gerade am Putzen ist und die offenbar Mitleid mit uns hat. Sie schliesst für uns eine Stunde früher auf und serviert das Frühstück. Vielen Dank dafür!

Danach packen wir unsere Sachen zusammen und machen uns wieder auf den Weg, immer schön dem rechten Aareufer entlang auf unserer bislang längsten Tagesetappe: dem Weg von Thun nach Bern. Schon bald lassen wir die Stadt hinter uns und begegnen einem Schild, das uns darüber aufklärt, dass die Aarelandschaft zwischen Thun und Bern als Naturschutzgebiet von nationaler Bedeutung gilt. Und es verspricht nicht zu viel. Die Landschaft ist wirklich eine Reise wert. Ein wunderschöner Fussweg zieht sich durch den lichten Wald am rechten Ufer. Immer wieder tauchen zugefrorene Tümpel auf, die bestimmt vielen Tieren eine Heimat bieten. Die Aare strömt schnell und in fast gerader Linie der Stadt Bern zu. Der Weg fällt leicht ab und ist leicht zu schaffen. Und diesmal spielt auch das Wetter mit. Die Sonne gesellt sich zu uns und begleitet uns auf dem grössten Teil des Wegs. Es ist zwar trotzdem noch kalt, aber im hellen Sonnenschein läuft es sich gleich viel leichter.

Aarelandschaft zwischen Thun und Bern

Eine wunderschöne Flusslandschaft.

Für die Mittagspause verlassen wir in Münsingen kurz unseren Weg und schwenken nach dem Essen wieder zurück zur Aare. Wir geniessen die wunderschöne Landschaft, springen über Wurzeln, laufen über gefrorenen Waldboden vorbei an einem Wasserfall. Links von uns fliesst die Aare, rechts von uns hören wir manchmal der Verkehr auf der Autobahn. Und so langsam werden uns die Beine wieder schwer. Wir haben die Halbmarathondistanz längst hinter uns und werden deutlich langsamer, wandern jetzt mehr als dass wir laufen. Je näher wir an die Stadt Bern herankommen, umso mehr Menschen begegnen uns: Spaziergänger, Wanderer, Familien auf einem Ausflug, ein paar einzelne Läufer.

Wanderweg Bern-Thun

Der Weg führt schnurgerade zwischen Aare und Autobahn.

Dann, nach rund sechs Stunden tauchen vor uns die ersten Gehege des Tierparks Dählhölzli auf. Wir haben es geschafft, haben unser Ziel erreicht. Zufrieden setzen wir uns auf eine Bank, geniessen die Sonne und den Fluss, dem wir bis jetzt schon mehr als 110 Kilometer gefolgt sind. Schliesslich suchen wir am Handy ein schönes Hotel für die Nacht. Morgen geht es wieder nach Hause. Die zweite Etappe unseres Aarelaufs endet also beim Tierpark Dählhölzli in Bern. Sobald die dritte Etappe läuft, gibt es hier wieder eine Info darüber.

 

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